Wolfgang
Thierse
Predigt
im Gedenkgottesdienst „20 Jahre Mauerfall"
Kreiskirchentag
Stadthalle Falkensee, 11.10.2009
„Du machst fröhlich, was da lebet im Osten, wie im Westen" (Psalm 65/Vers 9)
Das ist ein Vers aus einem Danklied, einem Danklied des Königs David. Er ist das Motto dieses Kreiskirchentags, der dem Gedenken an die friedliche Revolution und den Fall der Mauer vor 20 Jahren gewidmet ist.
Ja, wir erinnern uns in diesen Tagen und Wochen überall im Land an die wunderbare Zeit vor 20 Jahren. Tun wir das fröhlich in Ost und in West? Können wir Deutschen das überhaupt? Wir gelten zwar als fleißig und ordentlich, aber als fröhlich? Eher schon als ernst und übellaunig! Im Vergleich der Völker auf unserem Globus jedenfalls zählen wir zu den am wenigsten zur Heiterkeit begabten Völkern.
Können wir fröhlich sein 20 Jahre danach? Können wir fröhlich sein in einer Finanz-und Wirtschaftskrise, deren Ende noch nicht abzusehen ist? Können wir fröhlich sein angesichts so vieler unbewältigter, scheinbar übergroßer Probleme wie Arbeitslosigkeit, finanzieller Nöte, zunehmender Armut, angesichts sozialer Ängste und Unsicherheiten, angesichts von Zukunftsungewißheit?
Ja, das ist alles unübersehbar!
Und dazu kommen dann noch die Ost-West-Misshelligkeiten in unserem Land. Manche reden von einer „Mauer in den Köpfen". Ein Minderwertigkeits- und Benachteiligungsgefühl ist unter den Ostdeutschen nicht selten. Und im Westen werden immer mal wieder Belästigungsgefühle laut: Diese Einheit sei viel zu teuer und der Westen müsse sie bezahlen. Wahrlich, es gibt nicht nur freundliche zwischendeutsche Emotionen.
Dürfen wir also nicht fröhlich sein in Ost und West, sondern müssen in uns gehen und prüfen, war alles falsch gelaufen, was wir (- nein die anderen, natürlich -) falsch gemacht haben — und all das dann auch bewältigen, bevor wir wirklich („ernsthaft") fröhlich sein dürfen?
Unser Vers aber heißt: Du machst fröhlich... Gott, der Herr ist es, der fröhlich macht!
Die wunderbare Zeit, an die wir uns erinnern, an die wir so heftig und vielfältig erinnert werden, hat der englische Historiker Tomothy Garton Ash „annus mirabilis" —Jahr der Wunder — genannt.
Und tatsächlich, wenn wir — aus dem Erinnerungsanlaß — einmal das Selbstverständliche und Gewohnte der deutschen Einheit mit all ihren Alltagsproblemen durchstoßen, wenn wir die Geschichte nicht von hinten, von ihren Ergebnissen her betrachten, sondern von vorn, wenn wir sie so ins Gedächtnis zurückholen, wie man damals alles erlebt hat, wenn wir uns das heute vergegenwärtigen — dann treffen wir auf so viel Unerwartetes, Unvorhersehbares, Nicht-Geplantes, Nicht-Planbares, dass wir wirklich und wahrhaftig von Wundern, von einem großen Wunder sprechen dürfen!
Lassen Sie mich also ein wenig erinnern, die Wochen vor 20 Jahren vergegenwärtigen!
Am 7. Oktober 1989 in Berlin lag es schon in der Luft, was man befürchten musste: Es würde ernst werden, spätestens nach diesem Tag. Im Palast der Republik gab es die übliche byzantinische Jubelfeier. Draußen gingen die Polizei und die überall präsenten Stasi-Kräfte in Zivil gegen jede Ansammlung von Personen vor. Sie verhafteten auf der Straße, wessen sie habhaft wurden. Der Rest, eingekesselt in der Gethsemane-Kirche im Prenzlauer Berg, konnte darauf warten, abtransportiert und weggesperrt zu werden. Es waren am Schluss über 1.000 Verhaftete. Wie würde es weitergehen?
Wir dachten: Nach der Feier des 40. Jahrestages der DDR-Gründung, sobald die Gäste die Stadt verlassen haben, würden die SED-Staatsorgane zuschlagen. Das Blutbad vom Tien-An-Men-Platz in Peking war uns gegenwärtig. Das war die Angst. Was würde passieren am Montag, dem 9. Oktober in Leipzig? Hier waren am 25. September 5.000, am 2. Oktober schon 20.000 auf der Straße gewesen. Und es kamen 70.000! Das war der Tag der Entscheidung, der Sieg über die Angst, die halbe Macht der Diktatur. Und es wurde nicht geschossen!! Ein Wunder!
Ein Transparent,
das damals in Leipzig getragen wurde, formulierte es: „Jetzt oder
nie, Freiheit und Demokratie". So habe ich es empfunden und noch heute
bewegt
mich der Gedanke daran. Und die Erinnerung an den Mut der zunächst wenigen,
die
immer mehr wurden — an vielen Orten — bis es am 4. November in Berlin auf dem Alexanderplatz dann über eine halbe Million Menschen waren.
Mein Gefühl — und das vieler Menschen damals — war: Wenn ich jetzt nicht auch auf die Straße gehe, mich einmische, mich daran beteilige, dieses Land zu verändern —dann werde ich mich mein ganzes weiteres Leben vor mir selbst und vor meinen Kindern schämen.
Einen solchen Ausbruch an Mut, an Zivilcourage, an Phantasie und Witz hatte ich uns grauen, angepassten, ängstlichen DDR-Bürgern nicht zugetraut. Das hatten die meisten von uns — und die Obrigkeit auch — uns nicht mehr zugetraut. Dass es doch geschah, das ist das eigentliche Wunder, das wir an uns selbst erfahren haben!
Nachträglich werden die Ereignisse des Herbstes von 1989 in der DDR vom Datum des Mauerfalls am 9. November überragt. Herbst 1989 und Mauerfall wurden nach und nach ein und dasselbe. Durch millionenfache glückliche Erlebnisse des Wiedersehens in Ost und West getragen, von unvergesslichen Bildern verstärkt und durch die Politik bestätigt, die seitdem die deutsche Vereinigung zur wichtigen Aufgabe unseres Landes machte, konnte es eigentlich gar nicht anders sein.
Trotzdem: Wer die Friedliche Revolution auf eine pure Vorgeschichte der deutschen Wiedervereinigung reduziert, ignoriert, dass es sich hier um eine Sternstunde der europäischen und deutschen Freiheits- und Demokratiegeschichte handelt. Freiheit vor Einheit — das war die Reihenfolge! Das dürfen wir nicht vergessen. Und: Es war eine Revolution, nicht bloß eine „Wende", wie der von Egon Krenz eingeführte Begriff suggerieren will, der leider immer wieder verwendet wird.
Die Freiheit der Ostdeutschen und die Einheit der Deutschen und dann der Europäer — sie waren nicht das Ergebnis planvoller Politik. Sie waren — ich erinnere mich genau — zwar von vielen ersehnt, erhofft, in Gebeten erfleht, aber doch gänzlich unwahrscheinlich, unerwartet — noch in den Monaten davor, noch im Sommer 89: Wir haben sie nicht zu erwarten gewagt, ja bis zum November 89 nicht einmal zu fordern gewagt.
Nein, Freiheit und Einheit waren nicht zwingend, nicht „gesetzmäßig", nicht logisch, nicht unvermeidlich. Es bedurfte des unvorhersehbaren Zusammenwirkens vieler Ereignisse, Faktoren, Kräfte:
der russischen Dissidenten von Sacharow bis Solschenizyn;
des Vorbilds der tschechischen Charta 77
(mit meinem „politischen Heiligen" Vaclav Havel, dessen Buch „Versuch, in der Wahrheit zu leben" die wichtigste politische Lektüre meiner DDR-Existenz war);
der Kraft und der Ausdauer und des disziplinierten Mutes der polnischen Oppositionsbewegung „Solidarnosc" (bis zu ihrer grandiosen Erfindung des Runden Tisches);
der Intelligenz der ungarischen Reformkommunisten (die die Grenze öffneten); des Scheiterns der Perestroika Politik Gorbatschows (der — Gott sei dank — die
Rote Armee nicht auf ostdeutschen Straßen und Plätzen schießen ließ); des ökonomischen Desasters der SED-Politik;
der Zivilcourage der Oppositionsgruppen — zunächst wahrlich einer Minderheit — und der Desillusionierung und des Unwillens der DDR-Bürger und der Überwindung unserer Angst;
schließlich auch der Handlungsfähigkeit westlicher Politiker (von Helmut Kohl bis George Bush sen.).
Erst im Zusammentreffen dieser Voraussetzungen wurde sichtbar und wirksam, dass die Raison d'être der DDR verbraucht und zerstört war. Die DDR hatte ja nie eine eigene nationale Identität, sondern nur einen einerseits sicherheits- und machtpolitischen Existenzgrund als Westposten des sowjetischen Imperiums und andererseits eine immer prekäre, immer. labile ideologische Identität, zunächst aus Antifaschismus gespeist, dann aus marxistisch-leninistischer Ideologie. Auch. aus Sicht der SED-Ideologen hatte die DDR ihre Rechtfertigung nur als „Alternative" zur bürgerlichen, kapitalistischen Bundesrepublik. Doch wo die Ideologie nicht mehr geglaubt wird, wo die Kluft zwischen ideologischem Anspruch und erlebter Wirklichkeit unüberbrückbar geworden ist, wo der Vorposten unnötig wird, da zerbricht die Basis für den mit so viel Mühe und Druck erbauten und verteidigten Staat: Der revolutionäre Zusammenbruch war die Konsequenz.
Die friedliche Revolution wurde möglich. Dass sie friedlich wurde, auch und gerade das ist ein Wunder!
Wie oft wurde in der Leipziger Nikolaikirche und in der Berliner Gethsemanekirche oder anderswo am Schluss gesungen: „Dona nobis pacem"!
Liebe Schwestern und Brüder!
Ist das nicht genug Erinnerungsstoff zum Fröhlichsein! Jeder von Ihnen — ich bin mir dessen sicher — hat seine Erinnerungen an den Aufbruch, an die Überwindung von Ängsten, an eigene Befreiungserlebnisse in diesem Jahr der Wunder.
Dürfen wir also fröhlich sein in Ost und West? Ich meine ja, wir dürfen's nicht nur, wir sollten es. Wir sollten all dies als ein Geschenk Gottes annehmen.
Denn das wissen wir doch auch: Larmoyanz, Klage, Übellaunigkeit, Schwarzmalerei — sind unproduktiv, sie machen nichts leichter oder besser, sie lähmen eher und sie befreien nicht. Dass wir uns freuen und ein wenig stolz sind in diesen Tagen und Wochen und in der erinnernden Vergegenwärtigung von historischem Glück — das nimmt den gegenwärtigen und alltäglichen Problemen im Lande nichts von ihrem Ernst, das verharmlost und beschönigt nichts. Aber: Es könnte uns positiver stimmen, uns energischer und solidarischer sein lassen und, ja, vielleicht auch etwas geduldiger.
Begreifen wir doch: Was wir Deutschen (und unsere östlichen Nachbarn auf ihre andere Weise auch) erlebt haben und erleben, ist historisches Glück: Wir leben wieder vereint in einem freien Land in einem vereinten, friedlichen Kontinent, im Frieden mit allen Nachbarn, in Grenzen, zu denen alle unsere Nachbarn ja gesagt haben, gewissermaßen umzingelt von Freunden! Wann hat es das in unserer Geschichte schon einmal gegeben! Das nenne ich großes historisches Glück!
Ein Volk kann nicht nur leben aus der Erinnerung an seine bitteren und bösen Taten und Ereignisse (die gerade wir Deutschen niemals verdrängen dürfen), sondern auch aus der Erinnerung und Vergegenwärtigung von Glück, von geschichtlichem Wunder: Gott hat uns herausgeführt aus Unfreiheit und Spaltung und Unglück — nicht ins Paradies (nein wahrlich nicht), aber er macht uns fröhlich in Ost und West.
Nehmen
wir das Geschenk doch einfach an!